· 

Das Hamlet-Erlebnis

Ich sitze gerade in der Bahn nach Hause und lausche mit geschlossenen Augen Billy Joel. Es ist warm und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich bin glücklich und freue mich meine Freundin gleich wieder zu sehen. Wenn ich blinzle, sehe ich meine Reflexion in der Scheibe und sehe mich Lächeln.

 

Da kommt mir ein sehr persönliches Ereignis aus dem letzten Dezember wieder in den Sinn. Es hat mich damals derart beeindruckt, dass ich es direkt niedergeschrieben habe, um nichts davon zu vergessen. Ursprünglich wollte ich den Text auf meinem Blog veröffentlichen, aber aus verschiedenen Gründen habe ich mich dann doch dagegen entschieden: Zum einen schien mir die Geschichte zu persönlich zu sein und zum anderen war ich der Ansicht, dass es einfach zu viel Text für meinen Blog wäre, den sowieso niemand lesen würde. Nun veröffentliche ich ihn doch. Irgendwie fühlt es sich jetzt richtig an.

Ich befand mich damals in einem Zustand, den ich heute als Selbstfindungsphase beschreiben würde. Es hatte sich vieles, teilweise radikal, für mich geändert. Inzwischen hat sich alles gewendet und alles scheint im Fluss zu sein. Ich bin glücklich. Ich bin von Liebe umgeben und es läuft gut für mich. Ich bin angekommen.

Doch immer wieder wird mir bewusst, wie fragil dieses Glück ist. In meinem direkten Umfeld sehe ich, wie nahe Glück und Unglück bei einander liegen können. Da erblüht und festigt sich eine neue Liebe, Babys werden geboren, Häuser werden gebaut, Wohnungen werden renoviert und bezogen, Gärten werden bepflanzt und alles erwacht aus dem Winterschlaf aber gleichzeitig verlieren wir Menschen, die uns wichtig waren, andere zeigen urplötzlich ihr wahres Gesicht, es enden Beziehungen, die wir für unzerstörbar gehalten haben und andere enden, bevor sie richtig angefangen haben. All das fällt mir schwer zu verstehen und zu erfassen: Sowohl das Gute als auch das Schlechte. Damals suchte ich nach einem tieferen Sinn in allem und fand ihn einfach nicht. Oft glaubte ich, dass ich "den Moment der Klarheit" erlebt hätte. Doch genauso oft stellte es sich schnell als Irrtum heraus und alles wurde noch komplizierter. So blieb ich oft ratlos strauchelten zurück um schließlich doch weiterzusuchen.

Im Grunde erzählt diese kleine Geschichte, die mitten eines solchen Tiefpunktes passierte, genau davon:

Es war damals Anfang Dezember 2017 und bereits dunkel als ich mich auf den Heimweg machte. Müde und mit einem Gefühl der Melancholie, welches in mir ein Zuhause hatte, saß ich in der U5 Richtung Hauptbahnhof und wollte einfach nur meine Ruhe haben. Mit der Zeit habe ich paar Strategien entwickelt um so wenig Kontakt wie möglich zu anderen - vor allem zu fremden - Menschen in der Bahn zu haben:

So versuche ich auf dem Heimweg in der U-Bahn, die kurioser Weise einen großen Teil der Strecke oberirdisch fährt, immer einen Platz am Gang in der Nähe des dritten Ausgangs zu bekommen. Dadurch vermeide ich, mich beim Aussteigen an neben mir sitzendende Fahrgästen vorbei quetschen zu müssen. Zum anderen hält die Bahn an der Konstablerwache, an der ich aussteigen muss, mit dieser Tür ziemlich genau an der Treppe zur S-Bahn – was zusätzlich die Wahrscheinlichkeit von Rempeleien mit scheinbar ziellos herumirrenden Mitreisenden deutlich verringert.

An diesem Abend hatte ich Glück und fand in einer leeren Vierersitzgruppe in Fahrtrichtung am Gang Platz. Ich wollte nur noch nach Hause und bis dahin möglichst jede unnötige Verletzung meiner intimen Distanzzone vermeiden. Am liebsten hätte ich für den Rest des Tages überhaupt jeden weiteren Kontakt zu irgendwen gemieden – und schon gar nicht wollte ich in irgendeiner Form kommunizieren müssen. Selbst das munter vor sich hin vibrierende Handy in meiner Hosentasche ignorierte ich.

Mit meinem Rucksack auf dem Schoß und den Kopfhörern im Ohr saß ich da und starrte auf mein Tablet. Ich versuchte mich auf die laufende Episode einer Serie zu konzentrieren. Aber ich schaue immer wieder auf und schweife mit den Gedanken ab.

Eine Sitzgruppe weiter in Fahrtrichtung am Fenster setzt sich eine Frau. So richtig passt sie in ihrem roten Kostüm und mit dem Hut nicht in die Szene. Sie rückt ihre Haare umständlich zurecht. Die ganze Erscheinung wirkt merkwürdig deplatziert. Eher würde man sie in einem Bentley mit Chauffeur vermuten. Als die Bahn hält und sich die Türen öffnen zittert die Feder am Hut durch den Luftzug.

Irgendwann später setzt sich ein älterer Mann mir schräg gegenüber in meine Sitzgruppe ans Fenster. Er sieht nicht glücklich aus, schaut mit traurigen Augen ins Leere. Ich bemühe mich ihn nicht anzustarren und versuche nicht darüber nachzudenken, was mit ihm los sein könnte. Gerade erfährt einer der Protagonisten aus der Serie vom Tod seiner kürzlich erst wiedergefundenen Liebe. Wie schnell manchmal Dinge vorbei sein können, denke ich und starre zwischen dem Mann und der Dame im Kostüm gedankenverloren aus dem Fenster. Der Handlung der Episode folge ich nur beiläufig und schaue nur gelegentlich aufs Display. Irgendwann muss der Mann ausgestiegen sein, denn als die Bahn in den Tunnel einfährt setzt sich eine alte Frau direkt mir gegenüber und parkt ihren Trolley vor dem Platz an dem eben noch der Mann gesessen hatte. Als sie mich anspricht nehme ich den rechten Stöpsel aus dem Ohr. Für die laute Umgebung in der Bahn spricht sie viel zu leise und ich verstehe kaum ein Wort. Sie entschuldigt sich, als ich auch den anderen Stöpsel herausnehme und das Tablet ausschalte.

Ich lächle und versichere ihr, dass das OK ist. Merkwürdigerweise ist es das tatsächlich. Ich bin überhaupt nicht genervt und es kostet mich auch keinerlei Anstrengung nett und höflich zu sein. Leider verstehe ich nur Bruchstücke von dem, was sie mir erzählt. Aber ich möchte sie nicht unterbrechen indem ich nachfrage. Sie erzählt von einem schweren Unfall, den sie irgendwann hatte. Dann fragt sie mich, ob ich noch studieren würde. Geschmeichelt verneine ich und sage, dass ich gerade von der Arbeit käme.

Die Bahn kommt kurz im Tunnel zum Stehen. 

 Sie fragt, was ich denn machen würde. IT-ler. Ich arbeite mit Computern, ergänze ich schnell, als ich merke, dass sie nicht versteht. Ehrlich, wie viele Jobs gibt es, die man nur so bescheuert umschreiben kann? Ich arbeite mit Computern. Das ist eine wahnsinnige Umschreibung für das, was ich täglich tue um mein Geld zu verdienen. Aber das ist ihr nicht wichtig. Sie erzählt mir, dass sie auch so ein Smartphone hätte und gern damit im Internet surft. Sie fragt, ob ich mich damit auskennen würde. Ich bejahe es und rechne bereits mit skurrilen Fragen, die dann oft folgen. Das nächste Mal behaupte ich, dass ich Bäcker wäre. Oder so. Doch dann erzählt sie mir, dass sie Wikipedia ganz toll findet. Ihr gefällt das Konzept, dass viele Menschen an so einer Enzyklopädie zusammenarbeiten um das Wissen sammeln und zu erhalten.

Sie fragt, ob ich auf meinem Gerät auch so viel Werbung hätte und ob man die irgendwie abschalten könne. Leider muss ich verneinen, denn damit muss man heutzutage leben, wenn man solche elektronischen Spielzeuge benutzen möchte. Jetzt fordere Wikipedia zu Spenden auf. Sie würde gern etwas spenden, aber es würde nicht funktionieren. Sie versteht die elektronischen Zahlungsmöglichkeiten nicht. Ich muss ihr gestehen, dass ich noch nie für Wikipedia gespendet habe und die Aufforderung stets weg klicke. Sie betont erneut, wie toll sie es findet und, dass so etwas wie Wikipedia ganz wichtig sei.

Die Bahn nähert sich der Konstablerwache, ich stehe bereits an der Tür. Sie redet noch immer und folgt mir. Wir steigen zusammen aus. Ich lasse ihr den Vortritt und passe auf, dass sie heil mit Ihrem Trolley auf den Bahnsteig kommt. An der Treppe bleiben wir stehen. Wir verabschieden uns. Sie findet es sehr nett sich mit mir zu unterhalten, sagt sie.

Plötzlich fängt sie an von Hamlet und seiner Ophelia zu erzählen. Sein oder nicht sein. Dieser großartige Monolog würde nur selten in seiner vollen Länge präsentiert. Selbst wenn man nur wenig Englisch könne, sollte man versuchen es im Original zu lesen. Ohne Wörterbuch. Sie sagt, man müsse sich den Inhalt erarbeiten. Ihn auf sich wirken lassen. Erst danach zum Wörterbuch greifen. Sonst würde man einen Teil der eigentlichen Aussage versäumen.

Natürlich könne man es auch gleich auf Deutsch lesen, was vollkommen in Ordnung für sie ist. Aber sie hatte damals nur eine englische Ausgabe. Sie ringt mir das Versprechen ab, Hamlet mindestens auf Deutsch zu lesen.

Ich möchte nach Hause. Meine S-Bahn kommt bestimmt gleich. Oder ist sie schon weg? Ich habe jedes Gefühl von Zeit verloren. Während wir da stehen haben bereits mehrere U-Bahnen gehalten und sind weitergefahren. Menschen rauschen schemenhaft an uns vorbei. Ich mustere sie, wie sie dasteht und sich mit einer Hand an ihrem Trolley festhält während sie mit der anderen gestikuliert. Irgendwie hat sie es geschafft sich zwischen mir und der Treppe zu positionieren. Macht sie das absichtlich? Sie erzählt weiter und lässt mich einfach nicht gehen. Sie ist ungefähr einen Kopf kleiner als ich. Ihre wachen Augen lassen keinen Moment von mir ab. Ich bin gefesselt. Ich nehme kaum etwas von meiner Umgebung wahr. Ich muss los. Wir verabschieden uns erneut und ich komme der ersten Stufe etwas näher. Sie hat ihre Position aufgegeben, steht jetzt nicht mehr zwischen mir und der Treppe. Der Weg wäre frei…

Mit Hamlet kann man den Sinn des Lebens ergründen, philosophiert sie und erzählt von ihren Gedanken was nach dem Tod kommen könnte. Niemand weiß das. Ich stimme ihr zu, denn zurück gekommen sei wohl noch niemand. Dem widerspricht sie. Nicht, dass sie sehr gläubig wäre, aber, wenn man, wie sie, dem Tod schon so nahe gewesen wäre und jetzt zusätzlich auch noch im fortgeschrittenen Alter sei, würde man sich schon mal Gedanken darüber machen. Der Mensch hätte schon immer Angst vor dem ‚Danach’ gehabt. Sie spricht davon, dass sie aufgeben könnte. Dann würde sie wissen, was danach kommt. Aber ist es das wert? Was ist, wenn sie als niedrige Lebensform zurückkäme? Oder was wäre, wenn da gar nichts ist? Damit lasse ich den Gedanken los, die S-Bahn noch bekommen zu wollen. Sie fasziniert mich mit ihrer Art und die Fragen, die sie ins Gespräch bringt, sind auch meine Fragen. Die ganze Situation wird spätestens jetzt surreal. Habe ich doch gestern dagesessen und über diese und ähnliche Fragen gegrübelt und versucht Antworten zu finden.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagt sie, dass ich nicht so viel nachdenken soll, denn noch viel wichtiger als Antworten zu haben wäre es, die Zeit, die man geschenkt bekommen hat, zu genießen und das Beste daraus zu machen. Wieder lenkt sie das Thema auf das, was nach dem Tod kommen mag und was der Sinn der Zeit davor sein könnte. Religionen würden seit jeher versuchen Antworten darauf zu geben. Oder zumindest den Trost zu geben, dass nach dem Tod eine bessere Welt auf uns warten würde. Sie hat mit vielen jungen Menschen gesprochen, sagt sie. Viele würden an gar nichts mehr glauben. Ich fühle mich ertappt.

Sie fragt, ob ich Kinder habe. Stolz berichte ich ihr von meinem neunjährigen Sohn. Ich solle ihm unbedingt das Mysterium der Welt erhalten. Es sei in Ordnung, dass Kinder an Übernatürliches glauben. Auch wenn es Gott sein würde, solle ihm das lassen, auch wenn ich es besser wüsste. Der Glaube an eine höre Macht könne ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben.

 Ich muss an den Weihnachtsmann denken. Mit seinen neun Jahren scheint mein Sohn immer noch an ihn zu glauben. Wobei ich der der Meinung bin, dass er einfach für sich beschlossen hat, dass es ihn gibt. Ein kleines Stückchen heile Welt, welches er beschlossen hat für sich selbst zu erhalten. Da lässt er sich auch nicht reinreden. Ich werde ihm diese Illusion nicht nehmen. So wird er auch dieses Jahr vom Weihnachtsmann beschenkt werden. Die Realität wird ihn noch früh genug zu fassen bekommen. Ich erinnere mich daran, wie eine Freundin von ihm schon vor ein paar Jahren versucht hat ihm klarzumachen, dass der Weihnachtsmann nur eine Erfindung von Coca-Cola sei.

 Ich solle unbedingt Hamlet lesen, reißt sie mich aus meinen Gedanken. Am besten auf Englisch. In diesem Monolog steckt mehr, als offensichtlich erkennbar ist. Sein oder nicht sein. Leben und Tod. Darum geht es. Ich verspreche es erneut. Ich muss los, ich bin verabredet. Ich hasse es unpünktlich zu sein. Als ich noch einen Schritt näher an die Treppe schaffe, betont sie erneut, wie sehr sie das Gespräch erfreut hat. Ich solle unbedingt mit meiner Frau reden. Miteinander Reden ist wichtig für die Seele. Mit Reden würde man das Leben erst wirklich teilen. Zu spät denke ich. Es ist bereits zu spät. Viel zu spät. Zumindest für uns. Aber noch nicht für unseren Sohn. Wir werden ihn so gut es eben geht behüten und für ihn sorgen.

Wir verabschieden uns. Ich solle wirklich mindestens den Hamlet-Monolog lesen, beharrt sie. Ich würde darin Antworten finden, so wie sie damals. Sie hatte ihn auswendig gekonnt, sagt sie. Lächelnd dreht sie sich um und geht. Diesmal gehe ich wirklich die Treppe zur S-Bahn hinunter. Noch während ich hinunter flitze, stelle ich fest, dass ich meine Verabredung hätte doch absagen sollen. Ich hätte mich besser mit der Frau irgendwohin hingesetzt und ihr weiter zuhören sollen. Zu spät. Schon wieder. Noch auf der Treppe beschließe ich tatsächlich Hamlet zu lesen. Das ganze Werk.

 Was war da gerade passiert? War das real? Ich war verwirrt. Ein Blick auf die Uhr am Gleis verriet mir, dass tatsächlich mehr Zeit vergangen ist, als mir bewusst war. Meine ursprünglich angepeilte S-Bahn war längst weg und in wenigen Minuten würde bereits die Nächste einfahren. Ich stellte mich in meine gewohnte Ecke und begann direkt das eben erlebte in knappen Worten in mein Handy zu tippen. Ich musste mich jemandem mitteilen. Die Antwortnachricht empfiehlt mir, diesen Moment schriftlich festzuhalten. Unter Missachtung jeglicher Distanzzonen sitze ich verwirrt zwischen zwei Menschen eingezwängt auf einem der engen Klappsitze im Fahrradabteil. Ohne Tablet in der Hand. Ohne Kopfhörer im Ohr. Die Nachricht im Handy bestärkt mich mein Versprechen zu halten und Hamlet zu lesen. Langsam komme ich wieder in der Gegenwart an. Mit jeder Station komme ich meinem Zielbahnhof näher und damit zurück in den Alltag. Was bleibt ist das Gefühl, einen wirklich großartigen Moment erlebt zu haben. Eine tolle Begegnung, der kein Adjektiv gerecht werden würde.

Hamlet habe ich gekauft: Zuerst digital für den Kindl. Doch das hat sich irgendwie nicht richtig angefühlt. Die Geschichte, wie ich dazu gekommen bin dieses Buch lesen zu wollen, erfordert eine ehrliche gedruckte Version aus Papier: eben ein echtes Buch.

Zeit zum Lesen hatte ich noch nicht. Ausreden dafür habe ich reichlich. Aber ich werde es nachholen! Papier ist geduldig.

 

…inzwischen fahre ich in den Zielbahnhof ein. Die Sonne scheint. Alles ist gut. Gleich telefoniere ich mit meinem Sohn. Anschließend nehme ich meine Liebste in den Arm und werde mit ihr über den Tag reden, mich mit ihr austauschen. In diesem Sinne: Passt auf Euch auf!

Kai.

PS: Da das hier eigentlich als Fotoblog gedacht war, wenigstens ein neues Foto heute:

 

Diesen Artikel teilen: