Ein Ende ist ein Anfang

Oft werde ich gefragt, was mir das bringt, dass ich da draußen „herumrenne“. Meist gebe ich darauf nur knappe Antworten wie, dass das eben mein Ding sei. Doch in Wahrheit es ist mehr. Viel mehr! Vielleicht nicht immer, manchmal ist es nur Entspannung und das Gefühl der Freiheit und Unbekümmertheit. Dabei muss ich nicht immer allein sein. In Begleitung der richtigen Person(en), bedeutet das keinerlei Einschränkung dieser Gefühle. Ich muss nur das Gefühl haben, dass es ihr genauso geht wie mir und ich nicht mitleidig belächelt werde, wenn ich stehen bleibe und vor dem Anblick der Schönheit eines mächtigen Baumes oder dem Ausblick in ein weites Tal förmlich erstarre und den Moment genieße. Man kann mich gern für einen Spinner halten, aber manchmal gibt es sehr emotionale Momente. Momente, die meinem Dasein zusätzlichen Sinn geben. Auch diese Tour, auch wenn sich die Ausgangssituation relativ banal darstellte, hatte genau diese Momente.

 

 

Ich nehme meinen Sohn gern auf Tour mit. Damit er auch Freude dabei hat, versuche ich sie immer so zu planen, dass sie möglichst viele Höhepunkte enthalten. So ist er, falls es nötig werden sollte, zwischendurch leichter zu motivieren. Es bedeutet mir unendlich viel, dass wir dieses Hobby teilen. Seit einiger Zeit folgen wir begeistert den Youtube-Kanälen von Survival Mattin und Fritz von End Of The Comfort Zone. So bekam ich auch mit, dass die beiden ein Zuschauertreffen auf dem Brocken im Harz veranstalten wollten. 

Mir war sofort klar, dass diese Tour meinem Sohn Freude machen würde. Er könnte seine Helden treffen und vielleicht ein paar Worte wechseln. Ich könnte ihm mit dieser Tour etwas zurückgeben, von dem, was er mir gibt, wenn er mit mir unterwegs ist. 

Der geplante Treffpunkt war in Schierke an der Brockenstraße, am Fuße des Brocken. Der Tour ging eine merkwürdige Woche voraus. Es war für mich eine emotional sehr aufwühlende Zeit geprägt von ungeahnter Traurigkeit, kompletter Ratlosigkeit, des Gewinnens und Verlierens von Hoffnung und die des Loslassens und des Festhaltens. Vor allem aber war es eine Woche der Schlaflosigkeit und der daraus resultierenden Müdigkeit aus der mich weder Kaffee noch Energy Drinks retten konnten.

Trotzdem kam der Freitag stetig näher und die Vorfreute wuchs trotz der Müdigkeit, die meinem Körper langsam zu schaffen machte. So machten wir uns nach einem Nickerchen gegen ein Uhr Freitagnacht auf den Weg zum ca. 320km entfernten Treffpunkt.

 

 

Noch müder, aber motiviert und ein bisschen aufgeregt kamen wir in Schierke an. Unser Timing war perfekt: Fast auf die Minute trafen wir am geplanten Sammelpunkt ein. Freudig stellte mein Sohn fest, dass Fritz und Mattin ebenfalls bereits anwesend waren. Für ihn war es aber für eine Kontaktaufnahme noch zu früh. Manchmal muss er sich erst auf neue Situationen gewöhnen und einfühlen.

Nach und nach wurden wir immer mehr. Pünktlich um 6 Uhr gab Mattin den Startschuß und die Tour begann: Ziel war der Sonnenaufgang auf dem ca. 7km und 600 Höhenmeter entfernten Gipfel des Brocken. Mit Stirnlampen bewaffnet ging es nun durch die -6°C kalte und sternenklare Nacht nach oben, dem Gipfel entgegen. Was niemandem außer mir wusste war, dass seit dieser Woche ein Stern, der kurze Zeit am Nachthimmel fehlte, nun wieder in voller Pracht strahlte und mich begleitete.

 

 

Manchmal passieren eigenartige Dinge auf den Weg zum Gipfel eines Berges. Der Weg wird zur Metapher des eigenen Lebens. Mit Hoffnung und Sehnsucht tritt man den Weg nach oben an. Man verflucht die Dinge, die sich einem in den Weg stellen: Das können umgefallene Bäume, große Steine oder andere Hindernisse wie die eigenen Schwächen sein. Mit dem Ziel vor Augen kämpft man sich weiter. Schaut man nach vorn, dann sieht man die Lichter der Leistungsfähigeren sich in der Dunkelheit entfernen. Schaut man nach hinten, sieht man die vermeintlich Schwächeren immer näher kommen. Man kämpft mit dem eigenen Ego. Überholt die ersten, die nach vorn gesprintet waren und nun nach Luft ringen. Bald wird man wird selbst überholt…

 

 

Auch mein Sohn, mit seinen acht Jahren kämpft sich an meiner Seite tapfer nach oben. Längst hat er keine Lust mehr. Er ist müde. Zu kurz war die Nacht und zu lang die Anfahrt. Ich glaube, dass er nur noch mir zu liebe durchhält. Tapferer Junge. In mir steigt das schlechte Gewissen auf. Was tue ich ihm da an? Alles nur für meinen Egotrip? Doch treibe ich uns weiter vorwärts.

 

 

Es wird heller. Am Horizont färbt die nahende Sonne den Himmel rot und gelb: Der Sonnenaufgang steht bevor. Wir werden es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Dabei schien Anfangs doch alles so perfekt: Sternklare Nacht, kaum Wind und kein Nebel. Später sollten uns andere berichten, dass sie noch nie ein solches gutes Wetter auf dem Brocken erlebt hätten und wir wirkliches Glück haben.

 

 

Immer wieder drängte ich meinen Sohn weiter zu laufen. Nicht stehen zu bleiben und vor allem sich nicht auf die kalten Steine zu setzen. Je näher wir dem Gipfel kamen, desto mehr schrumpfte seine Motivation. Von Mattin und Fritz war gefühlt schon seit Stunden nichts zu sehen und zu hören gewesen. So hatte er sich das nicht vorgestellt! Wahrscheinlich fragte er sich genauso sehr, warum mir auf einmal der Sonnenaufgang so wichtig war? Ich konnte es mir nicht erklären. Ich wusste nur, dass ich da hoch musste. Es war als würde ich dort erwartet. 

 

 

Als wir endlich auf dem Gipfel angekommen waren, stieg auch die Stimmung meines Sohnes wieder. Er wechselte sogar ein paar Worte mit Mattin und Fritz, die sich trotz des Trubels einen Augenblick Zeit für ihn nahmen. Er tat grinsend die Strapazen des Aufstiegs als Lappalie ab und lachte gut gelaunt ins Gruppenfoto:

 

Das Bild gehört Fritz von http://www.endofthecomfortzone.com/
Das Bild gehört Fritz von http://www.endofthecomfortzone.com/

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Dann folgte der ersehnte Sonnenaufgang. Gebannt starrte ich in die Richtung in der er zu erwarten war. Obwohl es schon hell war, war von der Sonne selbst noch nicht viel zu sehen. Mein Herz pochte. Das Sternenkind winkte ein letztes Mal, bevor die Sonne sich über den Horizont erhob. Ich war überwältigt. Ein Gefühl, ähnlich einer Umarmung machte sich in mir breit. Alles war gut und ich bereit weiter zugehen. Der Stern verblasste langsam und der Tag brach an. Das Ende der Nacht war der Anfang eines neuen Tages. So unermüdlich die Sonne aufstieg, so unermüdlich würde ein Tag dem nächsten folgen und immer wieder unerwartetes und unvorhersagbares wird geschehen...

 

 

Es folgen noch ein paar Eindrücke vom Rückweg ohne große Worte:

 

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